Die ungewöhnlichsten Inhaltsstoffe in der Geschichte der Parfümerie
Graue Ambra, Moschus vom Moschustier, Zibet, Castoreum, Hyraceum, Oud und jahrelang gelagerte Irisrhizome: Der Artikel erklärt, welche ungewöhnlichen Materialien früher in der Parfümerie verwendet wurden, wie sie riechen und wodurch sie heute ersetzt werden.
Wenn wir einen Parfümflakon öffnen, suchen wir in seinem Duft fast automatisch nach vertrauten Eindrücken: Rose, Jasmin, Vanille, Zitrusschale oder Holz. Doch die Geschichte der Parfümerie kennt Inhaltsstoffe, deren Herkunft wesentlich schwieriger zu erraten ist.
Früher wurden für Duftkompositionen Substanzen verwendet, die im Körper von Pottwalen entstanden, Sekrete tierischer Duftdrüsen, mehrere Jahre gelagerte Wurzelstöcke oder Holz, das seinen besonderen Duft erst nach einer Verletzung des Baumes entwickelt. Einige dieser Materialien rochen in konzentrierter Form so unangenehm, dass man sie sich kaum als Bestandteil eines edlen Parfüms vorstellen kann.
Das Geheimnis lag in der Dosierung. Parfümeure verwendeten ungewöhnliche Substanzen nur in äußerst geringen Mengen. Dadurch verschwand die unangenehme Schärfe, während der Duft wärmer, voller und lebendiger wurde. Die moderne Parfümerie hat viele dieser Geruchseindrücke bewahrt. Natürliche Rohstoffe tierischen Ursprungs werden heute jedoch fast immer durch synthetische Alternativen ersetzt.
Ambra: keineswegs „Walerbrochenes“
Graue Ambra, auch Ambergris genannt, gehört zu den geheimnisvollsten Materialien in der Geschichte der Parfümerie. Jahrhundertelang fanden Menschen an Meeresküsten leichte, wachsartige Stücke unbekannter Herkunft. Man hielt sie für erstarrten Meeresschaum, Pilze, Harz oder sogar für den Speichel mythischer Wesen.
Heute ist bekannt, dass graue Ambra im Verdauungssystem des Pottwals entsteht. Wahrscheinlich bildet sie sich um unverdauliche harte Bestandteile der Nahrung, vor allem um die Schnäbel von Tintenfischen. Der Körper des Tieres umhüllt die reizenden Teile mit mehreren Schichten einer besonderen Substanz. Die entstandene Masse kann anschließend ins Meer gelangen.
Die weitverbreitete Bezeichnung „Walerbrochenes“ ist nicht korrekt. Forschende bringen die Bildung von Ambra mit dem Darm des Pottwals in Verbindung. Auf welchem Weg sie den Körper verlässt, lässt sich jedoch nicht in jedem Fall eindeutig bestimmen.
Frische Ambra besitzt einen scharfen und unangenehmen Geruch. Nach langer Zeit im Salzwasser und unter dem Einfluss von Sonne und Luft verändert sie sich jedoch. Ihr Duft wird weich, warm, leicht salzig, tabakartig, holzig und dezent animalisch.
In der Parfümerie wurde Ambra nicht nur wegen ihres eigenen Geruchs geschätzt. Sie verband verschiedene Duftnoten miteinander und verlieh einer Komposition Haltbarkeit und Volumen. Der Duft wurde nicht einfach intensiver, sondern erhielt eine warme, an Haut erinnernde und zugleich luftige Tiefe.
Natürliche graue Ambra ist äußerst selten. Die Vorschriften für das Sammeln, den Besitz und den Verkauf unterscheiden sich von Land zu Land. In den USA ist der Handel mit Ambra aufgrund der gesetzlichen Bestimmungen zum Schutz von Meeressäugern verboten. In einigen europäischen Ländern wird natürlich angespülte Ambra rechtlich anders behandelt. Deshalb lässt sich nicht pauschal behaupten, dass sie weltweit erlaubt oder verboten sei.
In der modernen Parfümerie wird natürliche Ambra gewöhnlich durch ähnlich riechende Substanzen ersetzt, insbesondere durch Ambroxid und darauf basierende Duftstoffe. Der Begriff „Ambra“ in einer Duftbeschreibung bezeichnet heute meistens den Charakter eines Akkords und nicht das Vorhandensein echter grauer Ambra.
Moschus: ein Duft, für den Tiere sterben mussten
Natürlicher Moschus stammt aus einer besonderen Drüse männlicher Moschustiere. Diese kleinen, hirschähnlichen Tiere leben in verschiedenen Regionen Asiens. Das getrocknete Sekret besitzt einen außerordentlich starken und in konzentrierter Form unangenehmen Geruch.
In äußerst geringen Mengen entfaltet Moschus jedoch eine völlig andere Wirkung. Er verleiht einem Parfüm Weichheit, Wärme, Sinnlichkeit und den charakteristischen Eindruck sauberer Haut. Zudem hilft Moschus dabei, andere Noten zu binden und die Duftkomposition länger wahrnehmbar zu machen.
Der hohe Wert des Materials führte zu einer intensiven Jagd auf Moschustiere. Um die Moschusdrüse zu gewinnen, wurde das Tier gewöhnlich getötet. Da sich das Geschlecht eines Tieres bei der Jagd nicht immer im Voraus bestimmen ließ, starben dabei auch Weibchen. Die Gewinnung von natürlichem Moschus wurde dadurch zu einem ernsthaften Problem für den Erhalt wild lebender Populationen.
Der internationale Handel mit Moschustieren wird durch das Washingtoner Artenschutzübereinkommen CITES geregelt. Die International Fragrance Association IFRA forderte ihre Mitglieder bereits im Jahr 2000 dazu auf, vollständig auf natürlichen Moschus zu verzichten.
Nach Alternativen suchte man allerdings schon wesentlich früher. Die ersten synthetischen Moschusstoffe entstanden Ende des 19. Jahrhunderts. Später entwickelten Chemiker mehrere Generationen von Substanzen mit sauberen, pudrigen, fruchtigen, holzigen oder hautähnlichen Duftnuancen.
Bezeichnungen wie Musk, White Musk oder „weißer Moschus“ beziehen sich heute fast immer auf einen synthetisch erzeugten Akkord. Je nach Zusammensetzung kann er an saubere Wäsche, warme Haut, Creme, Puder oder weiches Holz erinnern. Natürliches Sekret des Moschustieres ist in solchen Parfüms normalerweise nicht enthalten.
Zibet: Wenn ein unangenehmer Geruch Wärme erzeugt
Zibet wird aus dem Sekret der Duftdrüsen der Afrikanischen Zibetkatze gewonnen. Dieses kleine Raubtier wurde lange als „Zibetkatze“ bezeichnet, obwohl es nicht zu den eigentlichen Katzen gehört.
Das unverdünnte Sekret riecht scharf, schwer und abstoßend. Nach der Verarbeitung, Reifung und starken Verdünnung entwickelt es jedoch warme, moschusartige und ledrige Nuancen.
In der klassischen Parfümerie wurde Zibet häufig in floralen Kompositionen eingesetzt. Es ließ Jasmin, Rose und Tuberose weniger makellos, dafür aber lebendiger und sinnlicher wirken. So entstand nicht der Eindruck eines Blumenstraußes in einer Vase, sondern der von Blüten, die durch die Wärme menschlicher Haut erwärmt werden.
Für die Gewinnung von natürlichem Zibet wurden Tiere in Gefangenschaft gehalten und ihre Drüsensekrete regelmäßig entnommen. Die Bedingungen auf traditionellen Farmen führten wiederholt zu erheblichen Bedenken hinsichtlich des Tierwohls.
Die große Parfümindustrie verwendet heute praktisch kein natürliches Zibet mehr. Seine Wirkung wird mit synthetischem Zibet, Zibeton und anderen Duftstoffen nachgebildet. In einzelnen Nischen- oder handwerklich hergestellten Parfüms kann der natürliche Rohstoff theoretisch noch vorkommen. Die Angabe „Civet“ in einer Duftpyramide beweist deshalb weder seine tatsächliche Verwendung noch seinen vollständigen Verzicht.
Castoreum: Bibergeil mit Lederduft
Castoreum, im Deutschen auch Bibergeil genannt, stammt aus paarigen Drüsensäcken im unteren Körperbereich von Bibern. Häufig wird es fälschlicherweise als Sekret der Analdrüsen bezeichnet. Tatsächlich handelt es sich um eigenständige Organe, deren Sekret die Tiere zur Markierung ihres Reviers nutzen.
Nach dem Trocknen und Verarbeiten entwickelt Castoreum einen komplexen Geruch. Er kann an Leder, Rauch, Holz, feuchte Rinde, Fell, Teer und leicht medizinische Noten erinnern.
Besonders wichtig war dieser Rohstoff für Leder- und Chypre-Kompositionen. Er half Parfümeuren dabei, den Eindruck einer alten Lederjacke, eines warmen Sattels, eines Lagerfeuers oder einer Hütte im Wald zu erzeugen.
Castoreum war nie ein Inhaltsstoff für die Massenproduktion. Es fiel überwiegend als Nebenprodukt bei der Jagd auf Biber wegen ihres Fells an. In der heutigen Parfümerie wird natürliches Castoreum nur noch äußerst selten eingesetzt. Der typische lederartige und rauchige Effekt lässt sich mithilfe moderner Duftkompositionen wesentlich einfacher und gleichmäßiger nachbilden.
Mit Castoreum ist außerdem der verbreitete Mythos verbunden, es werde massenhaft als Vanillearoma in Eiscreme und Süßigkeiten verwendet. Tatsächlich ist der natürliche Rohstoff dafür zu selten und zu teuer. Die theoretische Zulassung einer Substanz und ihre tatsächliche Verwendung in alltäglichen Lebensmitteln sind zwei verschiedene Dinge.
Hyraceum: ein Duftstoff, den die Zeit entstehen lässt
Zu den ungewöhnlichsten Materialien der Nischenparfümerie gehört Hyraceum. Es entsteht in Verbindung mit dem Klippschliefer, einem kleinen Pflanzenfresser, der äußerlich an ein Murmeltier erinnert.
Klippschliefer nutzen über viele Generationen hinweg dieselben Stellen für ihre Ausscheidungen. Eine Mischung aus Urin, Kot, Pflanzenresten und mineralischen Bestandteilen verdichtet sich allmählich und wird mit der Zeit zu einer dunklen, festen Masse.
In der Parfümerie wird verarbeitetes Hyraceum wegen seiner animalischen, tabakartigen, ledrigen, rauchigen und leicht medizinischen Nuancen geschätzt. Sein Geruch kann gleichzeitig an altes Holz, Fell, trockene Kräuter und sonnenwarmen Stein erinnern.
Das Material wird an Orten natürlicher Ablagerungen gesammelt. Für seine Gewinnung müssen daher keine Tiere getötet werden. Hyraceum bleibt jedoch ein seltener Rohstoff, der vor allem in experimentellen und besonders ausgefallenen Nischenparfüms verwendet wird. In Düften für den Massenmarkt kommt die Bezeichnung kaum vor.
Oud: Holz, das zuerst verletzt werden muss
Oud, Agarholz oder Adlerholz wird aus Bäumen der Gattung Aquilaria gewonnen. Im gesunden Zustand besitzt ihr Holz noch nicht den intensiven Duft, für den es in der Parfümerie geschätzt wird.
Das ändert sich, wenn der Baum verletzt wird und eine komplexe Abwehrreaktion einsetzt, die häufig mit Mikroorganismen verbunden ist. Im Holz sammelt sich ein dunkles aromatisches Harz. Das Material wird schwerer und entwickelt einen tiefen, rauchigen, holzigen, balsamischen, ledrigen und manchmal beinahe animalischen Duft.
Die natürliche Bildung von hochwertigem Harz findet nur in einem Teil der Bäume statt und benötigt viel Zeit. Die hohe Nachfrage führte zu einer starken Übernutzung wild wachsender Aquilaria-Arten. Der internationale Handel mit vielen Arten wird deshalb durch CITES reguliert.
Heute werden Aquilaria-Bäume auf Plantagen angebaut. Die Harzbildung kann dort gezielt angeregt werden. Gleichzeitig verwendet die Parfümindustrie zahlreiche synthetische Oud-Kompositionen.
Der Begriff Oud auf einem Flakon bedeutet daher nicht zwangsläufig, dass das Parfüm natürliches Agarholzöl enthält. Meistens beschreibt er einen bestimmten Duftcharakter: dunkel, harzig, rauchig und holzig. Echtes Oud kann je nach Herkunft, Alter des Rohstoffs und Verarbeitung sehr unterschiedlich riechen.
Iris: Der Duft stammt nicht aus der Blüte
Iris wirkt zunächst wie ein gewöhnlicher pflanzlicher Parfümrohstoff. Überraschend ist jedoch die Art seiner Gewinnung. Für das klassische Irisaroma werden nicht die Blütenblätter, sondern die Wurzelstöcke bestimmter Arten verwendet, vor allem von Iris pallida und Iris germanica.
Nach dem Ausgraben werden die Rhizome gereinigt, zerkleinert und lange gelagert. Während dieses Reifungsprozesses entstehen Irone – Substanzen, die für den charakteristischen pudrigen, kühlen und leicht veilchenartigen Duft verantwortlich sind.
Die Herstellung dauert mehrere Jahre. Zunächst muss die Pflanze wachsen. Anschließend werden die ausgegrabenen Wurzelstöcke bis zu ihrer Verarbeitung gelagert. Die Ausbeute an aromatischen Stoffen ist gering. Hochwertige natürliche Irisrohstoffe gehören deshalb zu den teuersten pflanzlichen Materialien der Parfümerie.
Ein Irisduft kann an Kosmetikpuder, Veilchen, trockenes Holz, Teig, Papier oder kühle Erde erinnern. Die Blüte einer Iris im Garten riecht dagegen meist völlig anders als eine Irisnote in einem Parfüm.
Moderne Parfümeure erzeugen diesen Effekt häufig mithilfe einzelner Irone und synthetischer Duftstoffe. Damit lässt sich der typische pudrige Charakter erreichen, ohne große Mengen des seltenen natürlichen Materials zu verwenden.
Jasmin und Moleküle mit überraschendem Geruch
Jasmin wird mit weißen Blüten, Süße und einem Garten am Abend verbunden. Sein natürlicher Duft ist jedoch wesentlich komplexer als eine vollkommen reine florale Note.
Der charakteristische Jasmingeruch besitzt auch indolische Facetten. Indol kann in hoher Konzentration sehr scharf und unangenehm riechen und dabei an animalische oder sogar fäkale Gerüche erinnern. In geringer Menge wird die Substanz jedoch anders wahrgenommen: Sie verleiht einer floralen Komposition Wärme, Dichte und eine beinahe körperliche Sinnlichkeit.
Eine ähnliche, von der Konzentration abhängige Veränderung der Wahrnehmung zeigt Skatol. Schon sein Name leitet sich von einem griechischen Wort für Exkremente ab. In größeren Mengen ist sein Geruch unangenehm. In Spuren kann es dagegen warme florale Nuancen erzeugen.
Darin liegt eines der größten Paradoxe der Parfümerie: Ein angenehmer Duft muss nicht ausschließlich aus Substanzen bestehen, die einzeln betrachtet gut riechen. Manchmal ist es gerade eine kaum wahrnehmbare unangenehme Note, die den Eindruck einer natürlichen Blüte entstehen lässt.
Ohne solche Facetten kann eine Jasminkomposition zu glatt und leblos wirken. Mit ihnen erinnert sie nicht nur abstrakt an Blumen, sondern an echten Jasmin an einem warmen Abend.
Kostuswurzel: Blüten, Wolle und ungewaschenes Haar
Kostus, botanisch Saussurea costus, ist eine Pflanze aus der Himalaya-Region. Ihre Duftstoffe wurden traditionell aus den Wurzeln gewonnen. Der Geruch lässt sich kaum mit einem einzigen Begriff beschreiben. Er verbindet holzige, erdige, fettige, animalische und leicht käseartige Nuancen.
Manche Menschen fühlen sich durch Kostus an feuchte Wolle, Kopfhaut oder lange nicht gewaschenes Haar erinnert. Trotz dieser wenig schmeichelhaften Beschreibung half der Rohstoff in geringer Dosierung dabei, komplexe orientalische, ledrige und chypreartige Parfüms zu gestalten.
Kostus wurde nicht wegen seiner eigenständigen Schönheit eingesetzt. Er verband florale, holzige und animalische Noten miteinander und verlieh einem Duft eine natürliche Unregelmäßigkeit.
Die Verwendung von natürlichem Kostusöl ist heute aufgrund potenziell sensibilisierender Inhaltsstoffe durch Sicherheitsstandards eingeschränkt. Auch die Pflanze selbst unterliegt internationalen Artenschutzbestimmungen. Der gewünschte Dufteffekt wird deshalb mit anderen Inhaltsstoffen nachgebildet.
Warum unangenehme Gerüche ein Parfüm schöner machen
Eine Parfümkomposition ähnelt keinem Strauß, der ausschließlich aus einzeln angenehm riechenden Blüten besteht. Sie ist eher mit einem Gemälde vergleichbar. Ein Künstler benötigt nicht nur helle Farben, sondern auch Schatten, um Tiefe zu erzeugen.
In äußerst niedriger Konzentration werden animalische, rauchige, erdige und sogar fäkale Nuancen nicht mehr wörtlich als unangenehme Gerüche wahrgenommen. Sie betonen Blüten, lassen Holz wärmer erscheinen, geben einem Hautakkord Sinnlichkeit und schaffen Tiefe.
Eine Rose ohne grüne und erdige Facetten kann flach wirken. Jasmin ohne indolische Nuancen erscheint möglicherweise zu sauber. Ein Lederakkord benötigt Rauch, Bitterkeit und animalische Wärme. Selbst der Eindruck von Frische entsteht häufig aus dem Gegensatz zwischen transparenten und dichteren Bestandteilen.
Die Dosierung entscheidet darüber, ob ein Duft edel oder unangenehm wirkt. In konzentrierter Form kann ein Rohstoff abstoßend riechen. Eine kaum wahrnehmbare Spur davon kann dagegen die gesamte Komposition verändern.
Sind diese Inhaltsstoffe noch in modernen Parfüms enthalten?
Die Bezeichnungen historischer Materialien sind in der Sprache der Parfümerie erhalten geblieben. Das bedeutet jedoch nicht, dass ein Flakon tatsächlich natürliche graue Ambra, Moschus vom Moschustier, Zibet oder Castoreum enthält.
Die Auflistung von Duftnoten beschreibt in erster Linie einen olfaktorischen Eindruck. Leder, Ambra, Moschus, Oud oder Rauch können Akkorde sein, die aus mehreren natürlichen und synthetischen Substanzen zusammengesetzt werden. Eine Duftpyramide ist kein vollständiges Inhaltsstoffverzeichnis.
Der Verzicht auf viele tierische Rohstoffe hat ethische, ökologische, wirtschaftliche und technologische Gründe. Natürliches Material ist häufig selten, wenig gleichmäßig und unterscheidet sich von Charge zu Charge. Synthetische Alternativen ermöglichen eine bessere Kontrolle über Duft, Reinheit und Dosierung.
Ein synthetischer Inhaltsstoff ist dabei nicht zwangsläufig eine billige oder minderwertige Kopie. Manche Moleküle ahmen einen natürlichen Geruch nicht exakt nach, sondern schaffen neue Duftnuancen, die Parfümeuren früher nicht zur Verfügung standen.
Auch die Vorschriften für Duftstoffe verändern sich. Die Standards der IFRA können bestimmte Inhaltsstoffe verbieten, ihre Konzentration begrenzen oder besondere Anforderungen an ihre Reinheit stellen. Branchenstandards und die gesetzlichen Vorschriften eines Landes sind allerdings nicht dasselbe. Hersteller müssen beide Ebenen berücksichtigen.
Vom geheimnisvollen Ursprung zur Kunst der Duftformel
Die Geschichte ungewöhnlicher Parfümrohstoffe zeigt, wie stark sich unsere Vorstellung von Luxus verändert hat. Früher wurde der Wert eines Materials vor allem durch seine Seltenheit, seine exotische Herkunft und die schwierige Gewinnung bestimmt. Dass für wenige Gramm eines Duftstoffs ein Tier gefangen oder getötet werden musste, wurde lange kaum hinterfragt.
Heute wird ein hochwertiges Parfüm immer seltener mit dem zwingenden Einsatz seltener natürlicher Rohstoffe gleichgesetzt. Entscheidend sind vielmehr das Können des Parfümeurs, die Sicherheit der Rezeptur, eine verantwortungsvolle Herkunft der Materialien und die Fähigkeit einer Komposition, Emotionen auszulösen.
Graue Ambra, natürlicher Moschus, Zibet und Castoreum sind aus der industriellen Produktion fast verschwunden. Dennoch haben sie der Parfümerie ein ganzes Vokabular hinterlassen. Wir sprechen weiterhin von moschusartigen, ambrierten, ledrigen und animalischen Düften, selbst wenn diese Effekte vollständig im Labor entstanden sind.
Die ungewöhnlichsten Inhaltsstoffe sorgten nicht nur für eine längere Haltbarkeit. Sie lehrten Parfümeure, mit Kontrasten zu arbeiten und merkwürdige, scharfe oder sogar abstoßende Gerüche in etwas Schönes zu verwandeln. Vielleicht riechen große Parfüms gerade deshalb nur selten ausschließlich nach Blumen. In ihnen verbirgt sich fast immer noch etwas anderes: ein Schatten, Wärme, Rauch oder ein kaum wahrnehmbares Geheimnis.
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