Warum heißt Parfüm auf Russisch „Duchi“? Die Geschichte eines Wortes
Dieser Artikel erzählt die Geschichte des russischen Wortes „Duchi“, erklärt seine Verbindung zu Atem, Luft und Geruch und zeigt, warum die russischen Wörter für Parfüm und Geister gleich geschrieben, aber unterschiedlich betont werden.
Öffnet man einen Parfümflakon, erscheint im Raum etwas, das eine Sekunde zuvor noch nicht da war: der Duft von Rosen, sonnenwarmem Holz, kühlen Zitrusfrüchten, Vanille oder feuchter Erde nach einem Sommerregen. Man kann ihn weder sehen noch berühren – und doch ist er plötzlich überall. Er steigt in die Luft, begleitet einen Menschen und verschwindet schließlich ebenso unbemerkt, wie er gekommen ist.
Vielleicht passt das russische Wort „Duchi“ gerade deshalb so gut zum Parfüm. Es trägt etwas Unsichtbares, Flüchtiges und kaum Greifbares in sich. Doch warum klingt die russische Bezeichnung für einen Duft genauso wie das Wort für Geister? Ist das ein Zufall oder verbirgt sich dahinter eine gemeinsame Geschichte?
Die Antwort liegt im Atem selbst.
Das Unsichtbare, das man wahrnehmen kann
Das russische Wort „Duch“ erinnert heute vor allem an Geist, Seele, innere Kraft oder ein übernatürliches Wesen. Es kann die Haltung eines Menschen, den Geist einer Epoche oder eine geheimnisvolle Gestalt aus alten Erzählungen bezeichnen.
Früher besaß das Wort jedoch eine viel unmittelbarere Bedeutung. Es stand in Verbindung mit dem Atem, der Luft und allem, was sich unsichtbar in ihr verbreitet. Derselbe alte Wortstamm findet sich im Russischen noch heute in Begriffen, die „atmen“, „hauchen“ oder „Luftzug“ bedeuten.
Für die Menschen früherer Zeiten war der Atem eines der deutlichsten Zeichen des Lebens. Solange ein Mensch atmete, lebte er. Mit dem letzten Atemzug schien eine unsichtbare Lebenskraft den Körper zu verlassen. So rückten Atem, Seele und Geist auch sprachlich immer näher zusammen.
Mit der Luft nimmt der Mensch jedoch auch Gerüche wahr.
Auch sie sind unsichtbar. Sie tauchen scheinbar aus dem Nichts auf, umgeben uns, dringen in unsere Erinnerung ein und verschwinden, ohne eine sichtbare Spur zu hinterlassen. Deshalb konnte das alte russische Wort für Geist oder Atem zugleich einen Geruch bezeichnen.
Spuren dieser Bedeutung existieren bis heute. Im Russischen kann man vom „Brotgeist“ sprechen, wenn der warme Duft von frisch gebackenem Brot gemeint ist, oder vom „Honiggeist“, der über einer Imkerei liegt. Auch ein schwerer Geruch in einem lange verschlossenen Raum lässt sich mit demselben Wort beschreiben.
Auf diese Weise entstand bereits lange vor modernen Flakons und großen Parfümhäusern eine natürliche sprachliche Verbindung zwischen Geist, Atem und Duft.
Die französische Spur
Die Kunst, Düfte herzustellen, ist wesentlich älter als die moderne russische Bezeichnung dafür. Duftstoffe wurden bereits in antiken Kulturen verbrannt, aromatische Pflanzen in Öl eingelegt und wohlriechende Mischungen bei Zeremonien sowie im Alltag verwendet.
Das heute geläufige russische Wort für Parfüm setzte sich jedoch erst wesentlich später durch – vermutlich im 18. Jahrhundert.
Es war eine Zeit, in der die französische Kultur einen starken Einfluss auf den russischen Adel ausübte. Man las französische Bücher, bestellte Kleidung nach Pariser Mode, übernahm französische Umgangsformen und sprach in vornehmen Kreisen nicht selten fließender Französisch als Russisch. Zusammen mit Mode und Etikette gelangten Kosmetik, Duftwasser und neue Arten der Parfümverwendung nach Russland.
Im Französischen bezeichnete das Wort „parfum“ sowohl einen angenehmen Geruch als auch ein Duftmittel. Die russische Sprache hätte diese Bezeichnung einfach übernehmen können – und tatsächlich wurde später auch das Wort „Parfüm“ gebräuchlich. Zunächst geschah jedoch etwas sprachlich Interessanteres.
Das bereits vorhandene russische Wort „Duch“ erhielt eine zusätzliche Bedeutung. Seine Pluralform „Duchi“ wurde zur Bezeichnung einer aromatischen Flüssigkeit. Es wurde also nicht einfach ein fremdes Wort übernommen. Stattdessen zog eine neue, von der französischen Sprache beeinflusste Bedeutung in ein altes russisches Wort ein.
Sprachwissenschaftler bezeichnen diesen Vorgang als semantische Lehnübersetzung. Hinter dem nüchternen Fachbegriff verbirgt sich ein ausgesprochen schöner Prozess: Die Sprache kopierte nicht einfach den französischen Ausdruck, sondern fand eine eigene, vertraute und erstaunlich passende Bezeichnung für das neue Produkt.
Was hat Rauch damit zu tun?
Auch das französische Wort „parfum“ besitzt eine eigene Geschichte – und diese beginnt nicht bei einem eleganten Glasflakon.
In früheren Zeiten wurden Düfte häufig mithilfe von Feuer erzeugt. Harze, Hölzer, Kräuter und Blüten kamen auf heiße Kohlen. Der aufsteigende Rauch füllte den Raum mit ihrem Aroma. Er begleitete religiöse Zeremonien, diente als Opfergabe, wurde zum Ausräuchern von Räumen genutzt und schuf bei Festen eine besondere Atmosphäre.
Die Herkunft des Wortes „parfum“ wird deshalb mit lateinischen Begriffen für „durch“ und „Rauch“ in Verbindung gebracht. Daraus entstand die populäre Erklärung, Parfüm sei ein Duft, der „durch den Rauch“ zu den Menschen gelangte.
Dieses Bild ist einprägsam, vereinfacht die tatsächliche Wortgeschichte jedoch etwas. Die Bezeichnung entwickelte sich über verschiedene Verbformen und die Sprachen des Mittelmeerraums. „Durch den Rauch“ sollte daher nicht als wörtliche Übersetzung des modernen französischen Wortes verstanden werden, sondern als anschaulicher Hinweis auf seine historischen Wurzeln.
So ergibt sich ein interessantes Gegensatzpaar: Die französische Bezeichnung führt zu Feuer und Rauch, die russische zu Luft und Atem. Beide Bilder beschreiben dasselbe Phänomen – einen Duft, den man nicht sehen, aber dennoch deutlich wahrnehmen kann.
Duchí oder dúchi?
In der russischen Sprache gibt es zwei gleich geschriebene Wörter, deren Bedeutung sich allein durch die Betonung verändert. In diesem Artikel werden sie zur besseren Verständlichkeit mit lateinischen Buchstaben wiedergegeben.
Duchí, mit der Betonung auf der letzten Silbe, bedeutet Parfüm.
Dúchi, mit der Betonung auf der ersten Silbe, bedeutet Geister oder übernatürliche Wesen.
Im normalen russischen Schriftbild sind die beiden Varianten äußerlich nicht zu unterscheiden, weil Betonungszeichen gewöhnlich nicht geschrieben werden. Welche Bedeutung gemeint ist, ergibt sich aus dem Zusammenhang.
Die unterschiedliche Aussprache wird beispielsweise deutlich, wenn jemand von den „Geistern des Waldes“ oder von einem „Flakon Parfüm“ spricht. Geschrieben sehen die entscheidenden Wörter gleich aus, beim Sprechen liegt die Betonung jedoch jeweils auf einer anderen Silbe.
Diese Ähnlichkeit hat immer wieder fantasievolle Erklärungen hervorgebracht. So heißt es manchmal, Parfüm sei „Duchi“ genannt worden, weil sich ein Duft wie ein Geist verhalte: Er erscheint in der Nähe eines Menschen und verschwindet anschließend spurlos.
Als poetisches Bild klingt das überzeugend. Die wirkliche Erklärung ist jedoch zugleich bodenständiger und tiefgründiger: Beide Bedeutungen entwickelten sich aus der alten Vorstellung von einem unsichtbaren Atem oder Hauch.
Warum wird das russische Wort nur im Plural verwendet?
Die russische Bezeichnung „Duchi“ besitzt noch eine Besonderheit: In der Bedeutung „Parfüm“ wird sie ausschließlich im Plural verwendet.
Man kann auf Russisch von einem Flakon Parfüm, einem Tropfen Parfüm oder einem neuen Duft sprechen. Eine entsprechende Einzahlform des Wortes existiert im modernen Standardrussisch jedoch nicht.
Damit ähnelt die Bezeichnung Wörtern wie „Tinte“, „Sahne“ oder „Schere“, die im Russischen grammatisch ebenfalls nur in der Mehrzahl verwendet werden. Sprachwissenschaftler nennen solche Substantive Pluraletantum.
Warum sich bei der Bezeichnung für Parfüm gerade die Pluralform durchgesetzt hat, lässt sich nicht eindeutig beantworten. Möglicherweise spielte die bereits vorhandene Mehrzahl des älteren Wortes für „Geist“ eine Rolle. Denkbar ist auch eine Verbindung zur Mischung verschiedener Duftstoffe. Dabei handelt es sich jedoch um plausible Vermutungen und nicht um sicher belegte historische Tatsachen.
Die Form passt dennoch erstaunlich gut zum Produkt. Ein Parfüm besteht fast nie aus nur einem einzigen Geruch. In einer Komposition können Dutzende Bestandteile zusammentreffen: Blüten und Hölzer, Gewürze und Harze, Zitrusfrüchte und Kräuter. Sie entfalten sich nach und nach und lösen einander ab – als würde in einem Flakon nicht nur ein Duft, sondern eine ganze Gesellschaft von Düften leben.
Sind Duft, Parfüm und „Duchi“ dasselbe?
Im Alltag werden die Begriffe Duft, Parfüm und „Duchi“ häufig wie Synonyme verwendet. Ihre Bedeutungen stimmen jedoch nicht vollständig überein.
Ein Duft bezeichnet zunächst den Geruch selbst. Er kann blumig, holzig, zitrisch, würzig, frisch oder süß sein. Das Wort beschreibt häufig auch den Gesamteindruck einer Komposition.
Parfüm ist ein weiter gefasster Begriff. Damit kann ein bestimmtes Duftprodukt, sein Geruch oder die Parfümerie als Produktgruppe gemeint sein.
„Duchi“ ist die traditionelle russische Bezeichnung für ein Duftmittel. Im fachlichen Sprachgebrauch kann das Wort außerdem ein Produkt mit einer besonders hohen Konzentration an Duftstoffen bezeichnen.
Deshalb sind Angaben wie Parfum, Eau de Parfum und Eau de Toilette auf der Verpackung wichtig. Sie stehen für unterschiedliche Produktarten. Parfum enthält in der Regel einen größeren Anteil an Duftstoffen als Eau de Parfum, während Eau de Toilette meistens leichter wirkt.
Eine für alle Hersteller verbindliche Konzentrationsgrenze gibt es allerdings nicht. Die Rezepturen unterscheiden sich, und die Haltbarkeit eines Duftes hängt nicht nur von seiner Konzentration ab. Auch die verwendeten Duftstoffe, die Temperatur, die Hautbeschaffenheit und die Lagerung spielen eine Rolle.
Ein Duft ist stärker als die Zeit
Wörter verändern sich, doch Gerüche wirken auf uns noch immer so wie vor Hunderten von Jahren. Manchmal genügt eine kaum wahrnehmbare Duftnote, um uns in die Kindheit zurückzuversetzen oder an ein Haus, einen Menschen oder einen längst vergangenen Abend zu erinnern.
Der Geruch alter Bücher führt uns in eine Bibliothek. Äpfel und Zimt erinnern an winterliche Feiertage. Das Parfüm eines Menschen kann plötzlich seine Stimme, seine Bewegungen und seinen Gesichtsausdruck in die Erinnerung zurückholen – selbst wenn er schon lange nicht mehr in unserer Nähe ist.
Unsere Augen zeigen uns die Gegenwart. Ein Geruch dagegen öffnet häufig eine Tür zur Vergangenheit. Er erreicht die Erinnerung, bevor wir überhaupt verstanden haben, was wir gerade wahrgenommen haben.
Vielleicht war Parfüm deshalb nie nur eine Möglichkeit, angenehm zu riechen. Ein Duft schafft Stimmungen, wird Teil des persönlichen Erscheinungsbildes und kann sich schließlich in eine unsichtbare Unterschrift verwandeln.
In diesem Sinne wirkt die alte russische Bezeichnung beinahe prophetisch. Ein Duft besitzt keine sichtbare Form, kann aber die Anwesenheit eines Menschen bewahren. Die Person hat den Raum bereits verlassen, doch ihr Parfüm bleibt noch eine Weile in der Luft.
Ein Wort – eine ganze Geschichte
Warum heißt Parfüm auf Russisch also „Duchi“?
Nicht weil sich in jedem Flakon ein kleiner Geist verbirgt. Und auch nicht, weil Parfümeure einst an übernatürliche Kräfte ihrer Düfte glaubten.
Die Erklärung liegt in der alten Bedeutung des russischen Wortes „Duch“. Es verband Atem, Luft, Geruch und unsichtbare Anwesenheit miteinander. Im 18. Jahrhundert erhielt das Wort unter dem Einfluss der französischen Kultur seine zusätzliche Bedeutung als Bezeichnung für Parfüm – und blieb in dieser Form bis heute erhalten.
Im modernen Russischen existieren die traditionellen und die aus dem Französischen übernommenen Bezeichnungen nebeneinander. Das Wort für Parfüm klingt internationaler und fachsprachlicher. „Duchi“ ist jedoch wesentlich bildhafter. Es erinnert daran, dass sich ein Duft nicht festhalten lässt: Er lebt in der Luft, entfaltet sich mit jedem Atemzug und verschwindet ebenso unbemerkt, wie er erschienen ist.
Man öffnet einen Flakon – und im Raum entsteht erneut etwas, das sich nicht sehen lässt. Eine passendere Bezeichnung hätte die russische Sprache dafür wohl kaum finden können.
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